Wenn Kinder gleichzeitig zuhören und mitlesen, passiert etwas Spannendes: Die Augen folgen dem Text, die Ohren hören die Sprache – und im Gehirn werden beide Kanäle zu einem sehr effizienten Lernsignal verschaltet. Genau auf diesem Prinzip basieren Aufgaben wie „Lesen – Hören – Malen“, Hörtexte mit Mitlese-Text, Audio-Geschichten mit Arbeitsblättern oder QR-Codes zum Mitlesen.
In diesem Beitrag zeige ich, warum diese Formate für die Leseförderung so wertvoll sind, und stütze mich dabei auf aktuelle Forschung und Meta-Analysen.

1. Theoretischer Hintergrund: Lesen, Hören und multimodales Lernen
Lesen besteht vereinfacht aus zwei Komponenten:
- Dekodieren (Wörter korrekt und flüssig aussprechen/erkennen)
- Sprachverständnis (Wortschatz, Grammatik, Weltwissen, Textaufbau verstehen)
Das „Simple View of Reading“ beschreibt, dass echte Lesekompetenz erst entsteht, wenn beide Bereiche gut entwickelt sind. Aufgaben, bei denen Kinder zuhören und gleichzeitig mitlesen, adressieren genau diese Kombination: Der Hörkanal unterstützt das Sprachverständnis, der Schriftkanal trainiert Dekodierung und orthografische Muster.
Aus Sicht der multimedialen Lernforschung (z. B. Mayer, Cognitive Theory of Multimedia Learning) gilt: Wenn Informationen gleichzeitig über mehrere Kanäle (visuell + auditiv) dargeboten werden, können Lernende stabilere Verknüpfungen aufbauen – vorausgesetzt, die Reize sind gut aufeinander abgestimmt. Studien zu multimodalem Sprachenlernen zeigen, dass solche Arrangements kognitive Verarbeitung und Behaltensleistung deutlich verbessern.
2. Was bringen Lesen-und-Hören-Aufgaben konkret?
2.1. Mehr Textverständnis – besonders für schwächere Leser:innen
Eine aktuelle systematische Review und Meta-Analyse (30 Studien, N = 1.945) hat Lesen-while-Listening mit „nur Lesen“ verglichen. Ergebnis: Lesen mit gleichzeitiger Audio-Unterstützung brachte einen signifikanten Vorteil im Leseverständnis (Effektstärke g ≈ 0,18), besonders bei Lesenden mit schwächerer Dekodierfähigkeit.
Das Prinzip:
- Die Audio-Spur übernimmt einen Teil der Dekodierarbeit.
- Kinder können ihre begrenzten kognitiven Ressourcen stärker auf das Verstehen der Geschichte richten (Inhalt, Figuren, Zusammenhänge), statt an einzelnen Wörtern „hängen zu bleiben“.
- Das ist besonders hilfreich bei Kindern mit noch unsicherer Lesetechnik, bei LRS/Dyskalkulie im Bereich Schrift oder bei Lernenden in der Zweitsprache (DaZ/DaF).
Weitere Studien zeigen ähnliche Effekte:
- Lesen-while-Listening mit Hörbüchern verbessert sowohl Leseverständnis als auch Lesefreude bei leistungsschwächeren Jugendlichen. Academia+1
- Text-to-Speech und Vorlesetools unterstützen das Leseverständnis von Schüler:innen mit Leseschwierigkeiten (Meta-Analyse, d = 0,35). PMC
Für die Praxis heißt das:
Zuhören-und-Mitlesen-Aufgaben sind kein „Hilfsmittel für Faule“, sondern eine evidenzbasierte Unterstützung, um vor allem schwächere Leser:innen an anspruchsvollere Texte heranzuführen.
2.2. Leseflüssigkeit (Fluency): Tempo, Genauigkeit und Prosodie
Leseflüssigkeit – also schnell, korrekt und mit passender Betonung vorzulesen – ist ein zentraler Prädiktor für erfolgreiches Leseverständnis. ResearchGate
Eine deutsche Studie zur Förderung der Leseflüssigkeit mit Hörbüchern und wiederholtem Lesen („Reading-While-Listening“, RWL) zeigt:
- Kinder, die Texte wiederholt mit Hörbuchunterstützung lesen, verbessern sowohl ihre Lesegeschwindigkeit als auch ihre Genauigkeit,
- und erzielen anschließend bessere Ergebnisse im Leseverständnis als Vergleichsgruppen ohne Audio-Unterstützung. Psychologie Aktuell+1
Mechanismus:
- Das Hörmodell liefert korrekte Aussprache, Betonung und Rhythmus.
- Beim Mitlesen orientieren sich die Kinder an diesem Modell und automatisieren ihre Dekodierprozesse.
- Je automatisierter das Lesen, desto mehr „Gehirnkapazität“ wird für das Verstehen frei.
Für den Unterricht:
- Kurze Texte/Abschnitte mit Audio, die wiederholt mitgelesen werden (z. B. Lesetheater, Dialoge, Mini-Geschichten), sind sehr effektiv für Fluency-Training.
- Lehrkraft oder Audioaufnahme dienen als Lesemodell, die Kinder „fahren im Sprachfluss mit“.
2.3. Wortschatz und orthografisches Lernen
Für nachhaltige Leseförderung reicht es nicht, nur „irgendwie flüssig“ lesen zu können. Kinder brauchen ein reiches Wortschatznetz und sichere orthografische Repräsentationen (Rechtschreibbilder).
Eine experimentelle Studie von Valentini et al. (2018) zeigt:
- Kinder, die beim Geschichtenlernen gleichzeitig hören und mitlesen, lernen neue Wörter besser als Kinder, die nur zuhören oder nur lesen.
- Sie erwerben sowohl die gesprochene Form (phonologisch) als auch die geschriebene Form (orthografisch) und die Bedeutung (semantisch) stabiler. CentAUR
Auch andere Untersuchungen zur multimodalen Wortschatzarbeit belegen:
- Wenn Texte mit Bildern, Audio und Schrift kombiniert werden, steigen Wortschatzzuwachs und Behaltensleistung signifikant. SAGE Journals+2ResearchGate+2
Praktische Konsequenz:
Formate wie „Lesen – Hören – Malen“ oder „Lesetext mit QR-Code + Bildimpuls“ sind didaktisch hoch sinnvoll, weil sie
- neue Wörter mehrkanalig präsentieren,
- diese Wörter in einem inhaltlichen Kontext verankern,
- und sie durch Handlungsaufgaben (Malen, Basteln, Zuordnen) zusätzlich festigen.
2.4. Motivation, Selbstkonzept und Inklusion
Leseförderung scheitert oft nicht an Methoden, sondern an der Realität:
Viele Kinder sind „Lesemuffel“, haben negative Erfahrungen gemacht oder sind frustriert, weil sie den Text nicht schaffen. Studien zeigen, dass Lesezeit, Lesefreude und Lesekompetenz eng zusammenhängen – wer gerne liest, liest mehr, und wer mehr liest, wird besser. Pedocs+1
Lesen-und-Hören-Arrangements bieten hier mehrere Vorteile:
- Weniger Frust, mehr Erfolgserlebnisse
Schwächere Leser:innen können endlich ganze Geschichten verstehen, statt nach wenigen Zeilen auszusteigen. - Gefühl von Teilhabe
Alle Kinder in der Klasse können an denselben Geschichten arbeiten – auch solche mit Lese- oder Sprachschwierigkeiten. Das stärkt das Selbstkonzept als Leser:in. PMC - Attraktivität durch Mediennutzung
Hörtexte, QR-Codes, Tablets und Kopfhörer entsprechen der Lebenswelt vieler Kinder und erhöhen die Lesemotivation nachweislich, insbesondere bei sonst wenig lesefreudigen Schüler:innen. United Through Reading+1



3. Wie lassen sich Lesen-und-Hören-Aufgaben sinnvoll einsetzen?
Damit Lesen + Hören wirklich lernwirksam wird, braucht es ein paar didaktische Leitlinien:
3.1. Passende Textschwierigkeit
- Ideal sind Texte, die inhaltlich spannend, aber dekodierbar sind oder mit Audio-Unterstützung dekodierbar werden.
- Für schwächere Leser:innen darf das Hörtempo leicht reduziert oder über „Pause“-Funktionen steuerbar sein.
3.2. Klare Lernziele
Lesen-und-Hören-Aufgaben sollten nicht nur „Beschallung“ sein, sondern an ein konkretes Ziel gekoppelt werden, z. B.:
- Leseverstehen: Fragen zum Inhalt, Nacherzählen, Bildsequenzen ordnen
- Wortschatz: Wörter markieren, Wort-Bild-Zuordnungen, eigene Beispielsätze
- Leseflüssigkeit: Wiederholtes Mitlesen, später Stellen laut vorlesen
3.3. Aktive Verarbeitung statt Nebenbei-Hören
Die Forschung zeigt: Entscheidend ist aktive Verarbeitung – also, dass Kinder während oder nach dem Hören etwas tun, z. B.:
- Stichworte oder Bilder zu einzelnen Abschnitten notieren
- während des Hörens bestimmte Wörter im Text markieren
- anschließend malen, basteln oder eine Szene darstellen
Solche Aktivitäten fördern tieferes Verstehen und Behalten deutlich stärker als passives Zuhören. SAGE Journals+1
4. Fazit: Warum Lesen-und-Hören-Aufgaben ein „Must-have“ der Leseförderung sind
Zusammengefasst sprechen mehrere wissenschaftlich gut abgesicherte Gründe dafür, Lesen-und-Hören-Formate in der Leseförderung systematisch einzusetzen:
- Besseres Textverständnis
Besonders für Kinder mit schwacher Lesetechnik, Lernenden mit LRS oder DaZ/DaF-Hintergrund bringen Mitlese-Aufgaben einen messbaren Vorteil im Leseverständnis. ERIC+1 - Stärkere Leseflüssigkeit
Hörbücher, Vorlesetools und wiederholtes Mitlesen helfen, Tempo, Genauigkeit und Prosodie zu verbessern – ein zentraler Schlüssel für weiterführende Lesekompetenz. Psychologie Aktuell+1 - Effizienter Wortschatz- und Orthografieaufbau
Die Kombination aus Hören und Mitlesen unterstützt Kinder dabei, neue Wörter gleichzeitig als Klang, Schriftbild und Bedeutung zu speichern. CentAUR+1 - Mehr Motivation und Teilhabe
Erfolgs- und Verständniserlebnisse auch bei schwächeren Leser:innen stärken die Lesemotivation und ermöglichen inklusiven Unterricht, in dem alle an denselben Texten arbeiten können. PMC+1 - Anschlussfähig an digitale und kreative Unterrichtsformen
Aufgaben wie „Lesen – Hören – Malen“, digitale Lesespurgeschichten, QR-Hörtexte mit Mitlese-PDF oder Hörbücher mit Arbeitsblättern setzen genau diese Evidenz um – und verbinden Sprachbildung mit kreativen, handlungsorientierten Elementen.
Wer Leseförderung nicht nur als „Vorlesen und stilles Lesen“, sondern als multimodales Sprachlernangebot denkt, wird Lesen-und-Hören-Aufgaben als festen Bestandteil des Unterrichts kaum mehr missen wollen.
Weiterführende Literatur (Auswahl)
- Clinton-Lisell, V. (2023). Does Reading While Listening to Text Improve Comprehension Compared to Reading Only? A Systematic Review and Meta-Analysis. ERIC+1
- Walter, J. (2018). Zur Effektivität der Förderung der Leseflüssigkeit auf der Basis von Hörbüchern in Kombination mit wiederholtem Lesen. Empirische Sonderpädagogik, 10(3), 248–272. Psychologie Aktuell
- Valentini, A. et al. (2018). Listening while reading promotes word learning from stories. Journal of Educational Psychology. CentAUR
- Wood, S. G. et al. (2018). Does Use of Text-to-Speech and Related Read-Aloud Tools Improve Reading Comprehension for Students With Reading Disabilities? A Meta-Analysis. PMC
- Pellicer-Sánchez, A. (2020). Young learners’ processing of multimodal input and its impact on reading comprehension. Studies in Second Language Acquisition. Cambridge University Press & Assessment
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